E i n  I n t e r v i e w  m i t  F e l i x  S c h ü e l i

 

Was hat dich dazu bewegt, zum Thema „Sehnsucht“ zu komponieren?

 

Der Begriff/das Wort „Sehnsucht“ löst bei mir viele, sehr vielschichtige und tiefe Bilder, Gefühle und Assoziationen aus und lässt prägende Bilder vor meinem Inneren Auge entstehen. Das hat damit zu tun, dass ich das Wort „Sehnsucht“ mit der Epoche der Deutschen Romantik verbinde, die für mich persönlich faszinierendste und prägendste Kunstepoche. Seien es die entrückten Bilder Caspar David Friedrichs mit der teilweise zu Bild gewordenen Sehnsucht oder die fantastischen, unheimlichen und humorvoll-ironischen Geschichten von E.T.A. Hoffmann, dessen Werke ich in meiner Jugend verschlungen und verinnerlicht habe. Und natürlich die unglaubliche Schönheit der Musik der deutschen romantischen Komponisten, angefangen von Robert Schumann über Richard Wagner bis zu den Ausläufern im 20. Jahrhundert wie Gustav Mahler und Richard Strauss. 

 

Romantisch, wofür steht das für dich?

 

Die grossen Dichter und Denker dieser Zeit, allen voran Novalis mit seinem bekannten Symbol der „Blauen Blume“, die im Irdischen wurzelt um sich im unendlichen Himmel zu verklären, haben noch weitere wunderschöne Substantive geprägt: Neu erfundene wie „Weltschmerz“ oder „Todessehnsucht“, andere wurden bedeutungsschwer aufgeladen wie die „Geborgenheit“, das „Urvertrauen“, die „Natur“ oder eben auch die „Nacht“. Teilweise sind diese Begriffe leider etwas in Verruf geraten, weil sie mit der Zeit sehr verkitscht wurden oder etwas altmodisch wirken. Aber im ursprünglich romantischen Sinne haben sie immer noch eine grosse Kraft. Das ist auch der Grund, wieso diese Wörter bis heute nicht adäquat in andere Sprachen übersetzt werden konnten.

 

Wo siehst du die Verbindung zur heutigen Zeit?

 

Dieses schillernde unendlich faszinierende Universum der Deutschen Romantik hat unsere Kultur, viele unserer heutigen Ideen zu leben bis heute geprägt. So ist das Recht jedes Individuums auf sein persönliches Streben nach Glück und Liebe im Kern eine urromantische Idee, eine Idee, die gerade in der heutigen Zeit teilweise bis zum Exzess ausgelebt wird. Auch unser Kunst- und Musikverständnis ist bis heute geprägt vom romantischen Bild des Künstlers, der versonnen nach Inspiration sucht, dabei Grenzerfahrungen mittels Suchtmittel sucht, zwischen Genie und Wahnsinn pendelt, Bilder, die in der Romantik erfunden wurden. Eine der wichtigsten romantischen Ideen ist aber auch das sich selbst Reflektierende, das aus sich Heraustreten, um sich als Individuum und damit auch die „Realität“ permanent zu hinterfragen. Das daraus entstandene und in der Literatur sehr beliebte, weil natürlich auch unheimliche „Doppelgänger-Motiv“ ist wieder ein Beispiel eines Bildes, das seinen Ursprung bei E.T.A. Hoffmann hat und bis heute in vielen Hollywoodfilmen zu finden ist. 

In diesem Sinne sind viele der grundlegenden romantischen Ideen heute immer noch topaktuell.

 

Kannst du von dieser eher allgemeinen Betrachtung etwas konkreter auf dieses Projekt „Hymnen an die Nacht“ eingehen?

 

Die „Hymnen an die Nacht“, ein Gedichtzyklus von Novalis, der um 1800 entstanden ist, bildet die poetische Grundlage und den Rahmen für das Konzertprogramm.

Um eine Form zu finden, habe ich eine Dreiteiligkeit gewählt. Die meisten der romantischen Gedichte und Lieder lassen sich einem der drei folgenden Sehnsuchtsmotive zuordnen:

1. Sehnsucht nach der ewigen Liebe:

Das sind Lieder, die sich dem bekanntesten romantischem Thema der Schwärmerei, des Verliebtseins, dem Ideal der ewigen Liebe und deren vollkommenen, kompromisslosen Hingabe widmen. Diese romantische Idee hat sich bis in die heutige Zeit als vorherrschendes Thema im deutschen Schlager bzw. englischen Popsong festgesetzt.

2. Sehnsucht nach dem Tode:

Diesem Teil sind Lieder gewidmet, die sich nun vollkommen der „Nacht“ widmen, diese Texte verklären den Tod als Erlösung, suchen die Grenzerfahrung, die Sehnsucht nach der Antwort auf „Das letzte Geheimnis“. Das verliebte Schwärmen kippt in Besessenheit um, die Sucht aus „Sehnsucht“ wird zentral. Das Dunkle, Geheimnisvolle, Mysteriöse zieht in den Bann, wird zum unheimlichen, unwiderstehlichen und gefährlichen Sog. Hier kann Goethes Kritik an der Romantischen Bewegung verstanden werden: „Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke.“

3. Sehnsucht nach Geborgenheit:

Das beinhaltet das Versöhnliche, das Urvertrauen beziehungsweise den Glauben, die Hoffnung auf ein neues „Goldenes Zeitalter“, hier sind wir alle wieder das Kind, das getröstet wird mit den Worten: “Alles wird wieder gut!“ oder: „Und Morgen wird die Sonne wieder scheinen!“

 

„Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.“ (Ricarda Huch)

 

Was kannst du zu deinen Kompositionen sagen?

 

Als Ausgangslage dienten mir 6 Klavierlieder welche ich 2007 geschrieben habe. Die dabei verwendeten Gedichte wurden von den grossen Liedkomponisten Schumann, Mahler, Brahms und Strauss vertont. Davon ausgehend versuche ich durch Verwendung von musikalischen Elementen der heutigen Zeit aus Pop/ Schlager und Neuer Musik eine unmittelbar ansprechende Musiksprache zu finden, die eine Brücke ins Hier und Jetzt schlagen soll.

Dasselbe gilt grundsätzlich auch für die  neugeschriebenen „Hymnen an die Nacht“ welche in ihrer fragmentarischen Art die jeweiligen Stimmungen aufnehmen und so meine Assoziationen erklingen lassen. Diese Intermezzos bilden auch ein verbindendes Element im Programmablauf. Beim Teil „Geborgenheit“ habe ich zudem einen Text von Justin Rechsteiner verwendet, welcher für mich im Dialog das Ursprüngliche, das Urvertrauen wunderbar widerspiegelt. 

Wenn ich meine vorherigen Sätze reflektiere merke ich, dass es mir schwerfällt den wahren Kern dieses Programmes in Sprache zu fassen. 

Mit den eindrücklichen Worten von Novalis ausgedrückt:

„ Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

 

Wie bist du vom Cellospielen zum Komponieren gekommen?

 

Ich habe seit ich Musik mache komponiert, so habe ich als ersten Höhepunkt bereits als 12 jähriger das Stück „Katzenromanze“ für ein Jugendorchester geschrieben. Für mich gehörte das schon immer dazu und zwar als etwas ganz Natürliches.

 

Hast du weitere musikalische Wunschträume?

 

Dieses Projekt „Hymnen an die Nacht“ ist ein Wunschtraum von mir. Für alles Weitere bin ich offen und lasse es auf mich zukommen. Natürlich habe ich auch Ideen für weitere mögliche Projekte im Kopf, das Wichtigste für mich ist aber immer, dass nichts „erzwungen“ wird, sondern dass es „passt“!

 

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